"Unabhängigkeit ist unser Recht": Heidelberg feiert mit der Ukraine
Mehr als 120 Menschen kamen am Abend des 24. August am Anatomiegarten, im Zentrum Heidelbergs, zusammen, um den 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine zu feiern. Im Mittelpunkt stand das Schicksal der ukrainischen Kinder.
Heidelberg, 24. August 2026. Es war ein Unabhängigkeitstag, der nicht bei sich selbst stehen blieb. Wer an diesem Montagabend am Anatomiegarten stand, feierte 35 Jahre ukrainische Unabhängigkeit und sah gleichzeitig, worum es im vierten Jahr des großen Krieges wirklich geht: um die Frage, ob ukrainische Kinder in ihrem eigenen Land sicher aufwachsen können. Auf den Schildern, die die Veranstalter verteilten, stand es kürzer und klarer als in jeder Rede: „Unabhängigkeit ist unser Recht“ und „Angst vor Mathe, nicht vor Raketen“.
Ein Bündnis, das zeigt, wie es geht
Getragen wurde der Tag von der Gemeinschaft Ukrainischer Vereine in Heidelberg, einem informellen Bündnis aus vier Vereinen: dem Förderkreis der ukrainischen Veteranen Süd e.V., Leleka e.V., Freundschaft kennt keine Grenzen e.V. und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar e.V. Organisation und Koordination lagen bei Yevhen Gryshaiev (Förderkreis der ukrainischen Veteranen Süd e.V.), Anastasiia Kurzel (Leleka e.V.) und Harald Nikolaus (Freundschaft kennt keine Grenzen e.V.). Anastasiia Kurzel führte an diesem Abend zugleich durch das Programm. Harald Nikolaus sorgte für Technik, Aufbau und all das, was am Ende darüber entscheidet, ob eine Kundgebung funktioniert: eine Heidelberger Institution und, im blauen T-Shirt, an diesem Abend unser blauer Engel. Ein besonderer Dank gilt den vom Förderkreis betreuten verwundeten und behinderten Veteranen: ohne sie wäre dieser Tag nicht das gewesen, was er war.
Genau diese Form der Zusammenarbeit ist es, die wir als DUOD fördern und zu der wir aufrufen: mehrere Vereine, unterschiedliche Stärken, eine gemeinsame Sache. Der Dachverband unterstützt solche Bündnisse ausdrücklich und ist stets bereit, seinen Teil beizutragen.
Ab 14 Uhr: Informationen, Bücher, ukrainische Küche
Lange vor der Kundgebung stand am Anatomiegarten ein Informationszelt. Dort ging es um die Lage der Kinder in der Ukraine, um die Gefahr durch Landminen und um die Geschichte des Landes. Eine Ausstellungstafel unter dem Titel „Ein Jahrtausend ukrainischer Staatlichkeit“ führte von der Rus über das Fürstentum Galizien-Wolhynien, die Saporoger Sitsch und das Hetmanat bis zur Verfassung von Pylyp Orlyk aus dem Jahr 1710, zur Ukrainischen Volksrepublik und schließlich zum 24. August 1991 und zum Referendum vom 1. Dezember 1991, bei dem 90,32 Prozent der Teilnehmenden für die Unabhängigkeit stimmten. Diese Geschichte zu kennen ist der wirksamste Schutz gegen russische Mythen und Propaganda.
Bei einer Kinderbuchaktion konnten Bücher gegen Spende erworben werden, dazu gab es ukrainische Küche und viel Gelegenheit zum Gespräch. Insgesamt kamen an diesem Tag 2.113 Euro an Spenden zusammen. Der gesamte Erlös geht an Save Ukraine. Die 2014 gegründete ukrainische Hilfsorganisation holt Kinder aus Russland und den vorübergehend besetzten Gebieten zurück, evakuiert Familien aus Frontgebieten und begleitet Kinder psychologisch und sozial auf dem Weg zurück in ein sicheres Leben. Nach eigenen Angaben hat Save Ukraine bislang mehr als 1.551 Kinder zurückgeholt, über 9.000 Kinder bei der Reintegration begleitet und mehr als 165.000 Kinder und Angehörige evakuiert.
Geraubte Kinder, geraubte Herkunft
Andreas Kaprocki, stellvertretender Vorsitzender des DUOD und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar, gestaltete den Programmpunkt zu den von Russland verschleppten ukrainischen Kindern. Tausende Kinder wurden nach Russland und in die besetzten Gebiete gebracht. Ihnen werden nicht nur Eltern und Zuhause genommen, sondern auch Sprache, Name und Herkunft. Deshalb ist die Bewahrung unseres ukrainischen Erbes kein Kulturprogramm neben der Politik, sondern Teil der Verteidigung: Wer weiß, wer er ist, ist nicht zu assimilieren. Und wer zurückkommt, muss wissen, wohin er zurückkommt.
Wie sehr sich Kindheit im Krieg verschiebt, machte auch das Informationszelt deutlich: Über 30 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets sind vermint. Millionen Kinder müssen heute lernen, Minen zu erkennen, statt einfach auf der Straße zu spielen.
„Wir sind Heidelberg sehr dankbar für die nachhaltige Unterstützung“, sagte Kaprocki. Damit die Ukraine eine Zukunft habe, müssten ihre Kinder ein sicheres Leben in ihrem Land führen können. Dafür brauche es aber „nicht Mitleid, sondern Mittel der Unterstützung für unsere Verteidigung“. Und er rückte, wie mehrere Redner an diesem Abend, die Ukraine an die Europäische Union heran: Ohne die Freiheit der Ukraine ist auch ein freies Europa nicht möglich.
Über die seelischen Folgen des Krieges für Kinder sprach anschließend eine Psychologin. Pfarrer Andrii Chmyr von der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde in Mannheim hielt mit den Anwesenden eine Schweigeminute für die Gefallenen und die Getöteten.
Stimmen aus der deutschen Politik
Karl A. Lamers, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und Honorarkonsul Estlands, sprach den anwesenden Ukrainerinnen und Ukrainern den Weg nach Europa zu, den man gemeinsam gehen wolle, und forderte die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union. Für den Frieden brauche es Abschreckung und Dialog. Michael Steinke griff diesen Gedanken für die SPD auf: Die Ukraine dürfe nicht aus einer Position der Schwäche in Verhandlungen gehen, und der Frieden dürfe sie nicht ihre Kultur, ihre Selbstständigkeit und ihre Freiheit kosten. Auch Gert Weisskirchen, langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter, sprach an diesem Abend, und zwar als Vertreter der Europa-Union. Wir danken allen Politikerinnen und Politikern, die gekommen sind und klare Worte gefunden haben. Dass an einem Montagabend im August Vertreter mehrerer Parteien und der Europa-Union nebeneinander für die Ukraine sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit.
Gesang und Tanz zwischen den Reden
Schon ab 17:30 Uhr erklangen ukrainische Lieder. Zwischen den Reden, die durchgängig auf Deutsch und Ukrainisch gehalten oder gedolmetscht wurden, trat immer wieder ein Kinderchor auf, ukrainisch und deutsch, und Kinder tanzten in ukrainischer Tracht. Auch ein Erwachsenenchor sang an diesem Abend, sodass zwei Generationen dieselben Lieder in dieselbe Heidelberger Altstadt trugen. Eines der Kinderlieder handelte von einem Kind, das seine Heimat Ukraine auf ein Blatt Papier malt. Es war der Satz des Abends, ohne dass ihn ein Redner gesagt hätte.
Die Forderungen der Kundgebung waren eindeutig: ein Ende des Krieges, die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union und mehr Waffenlieferungen. Wir danken allen, die gespendet, gekocht, aufgebaut, gesungen und zugehört haben. Die 2.113 Euro, die an diesem Abend zusammengekommen sind, werden Kindern helfen, nach Hause zurückzukehren. Für uns als Dachverband (DUOD) und für die ukrainische Gemeinschaft in Deutschland bleibt daraus eine Aufgabe, die über den 24. August hinausreicht: gemeinsam handeln, hier vor Ort sichtbar bleiben und die Verteidigung der Ukraine mit den Mitteln unterstützen, die sie tatsächlich braucht.
Anmerkung: In der lokalen Presseberichterstattung wurde die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar e.V. als alleinige Veranstalterin genannt. Tatsächlich hat die Gemeinschaft Ukrainischer Vereine in Heidelberg, ein informelles Bündnis aus dem Förderkreis der ukrainischen Veteranen Süd e.V., Leleka e.V., Freundschaft kennt keine Grenzen e.V. und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar e.V., zu der Kundgebung aufgerufen und sie gemeinsam durchgeführt.
Ukrainer:innen und deutsche Unterstützer gemeinsam am ukrainischen Unabhängigkeitstag in Heidelberg