Eine ukrainische Sichtweise

Zwischen Ost und West: Polnisch-ukrainische Beziehungen

Geschichte & Erinnerung #Polnisch-ukrainische Beziehungen

Polen und die Ukraine haben eine gemeinsame Grenze, eine gemeinsame Bedrohung und eine Geschichte, die dem im Weg steht. Sechs Jahrhunderte lang lebten die Ukrainer unter polnischer Herrschaft, und harmonisch war dieses Verhältnis nie.

Dass es auch anders ging, zeigt der Vergleich: Unter litauischer Herrschaft blieben die ruthenische Kanzleisprache, die orthodoxe Kirche und das alte Recht bestehen. Unter polnischer Herrschaft wurde beides zum Hindernis – für den Aufstieg des Einzelnen wie für den Bestand des Ganzen. Die Geschichte beginnt 1340, als die polnische Krone das Erbe des Königreichs Rus' antrat, und sie endet erst 1939.

Was viele nicht wissen: Die ukrainisch-polnische Geschichte ist viel länger als die ukrainisch-russische!

Fakten

Ruthenen, Russyny, Ukrainer

Sechs Jahrhunderte lang lebten die Ukrainer unter polnischer Herrschaft – von 1340 bis 1939. Was in dieser Zeit geschah, widerspricht den geläufigen Annahmen an fast jeder Stelle: Am Anfang stand kein Bauernvolk, die Elite wurde nicht vertrieben, und der Aufstand, der die Ukraine befreien sollte, brachte am Ende Polen zu Fall.

Ruthenen, Russyny
So hießen die Vorfahren der heutigen Ukrainer, und so nannten sie sich selbst. „Russyny" war die Selbstbezeichnung, „Ruthenen" die lateinische und habsburgische Amtsform; beides geht auf die Rus' zurück, deren Zentrum Kyjiw war. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich „Ukrainer" durch. Der Name war dabei nie nur ein Etikett: „Ruthenen" meinte einen Volksstamm im Vielvölkerstaat, „Ukrainer" eine Nation mit Anspruch auf einen eigenen Staat. Deshalb hielten Warschau wie Moskau so hartnäckig an den alten Bezeichnungen fest.
Ein "ukrainisches" Königreich
Fürst Danylo von Halytsch (nach dieser Stadt ist Galizien benannt) wurde 1253 von einem päpstlichen Legaten zum König gekrönt. Sein Reich, der westlichste Nachfolger der Kyjiwer Rus', unterhielt Beziehungen zu Rom, Byzanz und Ungarn. Als die Dynastie 1340 erlosch, griff Polen zu – und Kasimir der Große nannte sich fortan „König von Polen und der Rus'". Er bestritt das Erbe nicht, er nahm es. 1434 wurde aus dem Königreich die Woiwodschaft Ruthenien.
Der Preis des Aufstiegs
Kein Edikt zwang die Ruthenen, ihre Identität abzulegen. Es genügte, Ämter, Bildung und Recht an Konfession und Sprache zu binden: Wer nach oben wollte, wurde katholisch und polnisch. Über zwei, drei Generationen wechselte die gesamte Führungsschicht die Seite. Fürst Jarema Wyschnewezkyj, aufgewachsen in einem orthodoxen Fürstenhaus, dessen Mutter orthodoxe Klöster stiftete, wurde zum härtesten Gegner des ukrainischen Aufstands von 1648.
Die goldene Freiheit
Die polnische Adelsrepublik war stolz auf ihre Freiheit – und es war ausschließlich die Freiheit der Szlachta (des Adels). Sie stand auf der Unfreiheit von Millionen: drei bis sechs Tage Fron in der Woche, der Grundherr zugleich Richter über seine Bauern. Im Osten waren die Unfreien fast durchweg orthodoxe Ruthenen, die Freien fast durchweg katholische Polen. So wurden „Herr" und „Pole" zu Synonymen, „Bauer" und „Ruthene" ebenso.
Flucht in die Steppe
Die Ruthenen wollten keine Leibeigenen bleiben. Die Wagemutigsten flohen dorthin, wo die polnische Ordnung nicht galt: hinter die Stromschnellen des Dnipro, zu den Kosaken, die sich selbst organisierten und ihre Anführer wählten. Ihre bloße Existenz war eine Anklage, denn sie bewiesen, dass ein Ruthene auch anders leben konnte als kniend. Aufstand folgte auf Aufstand, jeder blutig niedergeschlagen – bis 1648 der größte Volksaufstand des Jahrhunderts die Magnatenherrschaft im Osten zum Einsturz brachte. Für Polen begann damit der Abstieg, der ein Jahrhundert später in den Teilungen endete.
Unter Litauen ging es anders
Bis 1569 war Ruthenisch im Großfürstentum Litauen Kanzleisprache, die orthodoxe Kirche und das alte Recht blieben unangetastet. Fremdherrschaft allein erklärt also nichts – es kam darauf an, welche und wie man sich einigte.
Europa kannte den Namen "Ukraine" schon im 17. Jahrhundert
Guillaume Le Vasseur de Beauplan vermaß das Land ab 1630 für die polnische Krone. Seine Karte von 1648 machte den Namen in Europa bekannt – auf den Pariser Karten hieß das Land fortan „Ukraine ou Pays des Cosaques". Dem polnischen König widmete er sein Werk mit den Worten, er habe zum Erwerb dieser großen Provinz erheblich beigetragen.
Galizien: alter Name, neues Gebilde
1772 schuf Österreich nach der Teilung Polens aus historisch sehr unterschiedlichen Gebieten das Kronland „Galizien und Lodomerien“: aus ruthenischen Gebieten um Halytsch und überwiegend polnischem Kleinpolen. Den Namen und Rechtstitel leitete Wien aus mittelalterlichen Ansprüchen der ungarischen Krone auf Halytsch und Wolodymyr ab. Krakau selbst kam erst 1846 hinzu. Der Westen Galiziens war überwiegend polnisch, der Osten mehrheitlich ukrainisch. Erst die Zusammenfassung beider Teile ergab in der Gesamtstatistik ein polnisches Übergewicht – ein wichtiger Hintergrund der späteren polnisch-ukrainischen Auseinandersetzung um Ostgalizien.
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